Kürzlich war ich beim Radiotermin bei der Bruderhausdiakonie in Reutlingen, genauer gesagt: in der Kartonagenfabrik. Es ging um ein Porträt über Gustav Werner, der vor 200 Jahren geboren wurde und als Vater der Diakonie gilt. Eigentlich brauchte ich nur ein bisschen Atmosphäre und kurze Interviews mit zwei der dort beschäftigten Behinderten. Als ich ankam, blickten mir allerdings sechs Augenpaare so freudig erregt und erwartungsvoll entgegen, dass ich nicht anders konnte als mit jeden von ihnen ein Interview zu führen. Unter beruflichen Gesichtspunkten völlig unsinnig und ineffizient. Menschlich gesehen haben sich die sechs aber ein Loch in den Bauch gefreut, mitmachen zu dürfen – auch wenn drei von ihnen plötzlich total verschüchtert waren, als ich ihnen das Mikrofon unter die Nase gehalten habe. Christian zum Beispiel war kaum mehr als “Ja” oder “Nein” zu entlocken. Nichtsdestotrotz fragte er, ob er es mal hören dürfe. Also habe ich ihm das gesamte Interview vorgespielt, er saß andächtig daneben, lauschte fasziniert der eigenen Stimme und fragte anschließend ganz aufgeregt alle Kollegen in der Werkstatt, ob sie denn schon mal im Radio gewesen seien.
So ein Radiotermin im sozialen-kirchlichen Bereich entpuppt sich oft als Ausflug in eine andere Welt. Eine, in der die Uhren langsamer ticken. Wo ein anderer Wind weht, beziehungsweise gar keiner, wo Menschlichkeit greifbar ist und so manch eigenes Luxusproblem in andere Relationen gerückt wird. Es ist herzerwärmend. Menschen mit Handicap zum Beispiel können sich über tausend Kleinigkeiten freuen, sie sind erfrischend unbefangen und Coolness spielt auf sehr angenehme Art überhaupt keine Rolle. Außerdem ist der Umgang miteinander – und das gilt meiner Erfahrung nach für viele Menschen in christlichen Einrichtungen, behindert oder nicht – spürbar anders. Weicher, mit Muße und auf das Gegenüber bedacht statt auf die eigene Befindlichkeit. Es tut gut, das zu erleben, nicht zuletzt, weil es mich persönlich ein Stück weit erdet. Weil ich mich automatisch ebenfalls langsamer drehe. Oft denke ich, es wäre doch eine tolle Sache, wenn wir alle ein bisschen mehr so wären. Nur, zurück in meiner irrsinnig schnellen, supermodernen Business-Welt erweist es sich dann doch als ziemlich schwierig, das konsequent durchzuziehen.
Im Radiobeitrag selbst konnte ich dann natürlich trotzdem nicht alle sechs Interviewten unterbringen, das ist bei einer Länge von maximal zwei Minuten illusorisch. Was schlussendlich daraus geworden ist? Bitteschön:
…
(Gesendet am 08. März 2009)
„Ich bin echt stolz, hier zu sein. Mit so viel Liebe wurde das hier gepflegt! Also, das hab ich noch nicht erlebt, das muss ich schon mal sagen.“
Dieter Janik arbeitet an der Kasse der Abenteuer-Golfanlage im Seepark in Pfullendorf (Kreis Sigmaringen). Als ich komme, um einen Radiobeitrag zu machen, zeigt er mir die parkähnliche Anlage und sagt immer wieder, so etwas liebevoll Gepflegtes habe er noch nicht gesehen. Er sagt, er sei stolz, und man spürt ihm das auch ab und sieht es seinem schüchtern lächelnden Gesicht an.
Die achtzehn Bahnen sind ein Bißchen verrückt, mit vielen special effects und netten Ideen. Wasser plätschert hier und da, es gibt eine Alpenstation, bei der der Golfball eine Seilbahn hochfährt und anschließend die Jodel-Musik auslöst, einen Flipper-Golf, eine Burg, eine Klangtreppe und vieles mehr. Hier kommen Kollegen zum gemeinsamen Golfen, sie mögen, dass man hier mit echten Golfschlägern und –bällen spielt, dass es witzig ist, und ausgefallen. Es kommen Familien und Freunde.
Neben den außergewöhnlichen Stationen ist die Anlage auch deshalb besonders, weil sie gebaut wurde, um Langzeitarbeitslosen Arbeit zu geben. Dahinter steht der diakonische Verein „Werkstättle“.
Dieter Janik war früher bei Eismann, bis er gekündigt wurde. Der Job hier ist für ihn mehr als nur Geldverdienen. Er macht ihn richtig glücklich. „Wenn ich hier so entlang laufe“, sagt er, „dann denke ich manchmal: jawoll, du machst doch etwas richtiges und bist doch an der richtigen Stelle.“
(den Beitrag findest du hier)
Gestern war ich bei Nicki in Tübingen zu Besuch. Sie ist Anfang 30 und sitzt seit ihrer Geburt im Rollstuhl. Ich wollte ihr ein paar Fragen stellen zum Thema: Wie fährt man mit so einem Handicap eigentlich in den Urlaub?
Auf dem Weg von Stuttgart nach Tübingen denke ich noch mal über meine Fragen nach. Kann man eigentlich am Strand Rollstuhl fahren?
Nicki wohnt mit ihrem Mann in einer schicken Mietwohnung am Stadtrand. Alles ist rolligerecht gebaut. Es gibt einen Aufzug, breite Türen… und ein superschönes Wohnzimmer (was weniger mit dem Rollstuhl als mit Nickis gutem Geschmack zu tun hat).
Sie erzählt von ihren Flitterwochen in Ägypten. Wie die Leute gestaunt haben über ihre speziellen Sandreifen. Ich hatte keine Ahnung, dass es ein „Offroadtuning“ für den Rollstuhl gibt. Einmal bei ihrem ersten Flug überhaupt (es ging nach Istanbul), wurde sie von den Beamten am Flughafen beim Durchleuchten des Gepäcks festgehalten. Sie hatten nichts mit diesen merkwürdigen Gegenständen in ihrer Tasche anfangen können. Es waren ihre Spezialreifen.
Erstaunt höre ich zu, als Nicki von einem Rollstuhlfahrer berichtet, der mit seinem umgebauten Rollstuhl (bzw. einer Art Liegerad, das mit den Händen bedient wird) den mittleren Osten bereist hat. Sie hat sein Buch gelesen.
Nicki könnte auch ein Buch schreiben. Sie hat viel zu berichten. Ich werde jetzt einen kurzen 1:30 Beitrag draus basteln müssen. Schade! Aber besser als nichts.
Adesa, eine ghanaische Künstlergruppe, ist unterwegs mit „Brot für die Welt“. Das evangelische Hilfswerk feiert 50. Geburtstag und tourt nun mit Adesa durch Schulen in ganz Deutschland.
Vor-Ort-Termin in Stuttgart. Die Schüler einer Hauswirtschafts-Schule schlurfen in die Aula. „Ey Paula, wo pflanzen wir uns hin?“ fragt eine gelangweilt kaugummikauend. „Keine Ahnung, irgendwo da hinten…“ sagt Paula mit halb geschlossenen Augenlidern. Kaum jemand lächelt, kaum jemand scheint Bock zu haben.
Dann die Einführung von Ursula Hildebrand von Brot für die Welt über fairen Handel. Die Arme, ohne Mikrofon ist das schwierig. Die rund 60 Schülerinnen und geschätzte 3 Schüler albern rum, und als Frau Hildebrand den fairen Handel an der Banane demonstriert, ist kein Halten mehr. Bei dem Film über Bio-Bauern in Ecuador geht es wieder einigermaßen.
Und dann: dann geht es los. Kurz vorher denke ich, mal sehen, ob die Schüler sich von Adesa mitnehmen lassen. Drei Männer kommen trommelnd nach vorne, einer davon groß, schlank und weiß. Drei Tänzer folgen. Innerhalb kürzerster Zeit sind die Schüler mehr als nur dabei. Alle schauen gebannt nach vorne, viele kommen von den hinteren Reihen, drängen sich an die Wände, viele filmen mit ihren Handys. Spontane Zwischenrufe „ey guck mal!“ „Wow!!“ oder „wie geil!“ begleiten die akrobatische Show. Die Tänzer sind unglaublich gut, sie wirbeln und springen und tanzen und schwitzen, die vielen kleinen Muskelpakete werden nacheinander angespannt, mal alle drei Tänzer synchron, dann wieder gegeneinander, eine atemberaubende Show. Witzig und rasant. Zwischendurch steht der große weiße Mann auf, Reinhard Conen. Er ist mit einer Ghanaerin verheiratet und hat Adesa vor 25 Jahren gegründet. Er erzählt, dass einige der Tänze und Sketche Szenen aus Afrika erzählen. Das Jonglieren mit großen leeren Schalen bedeutet, dass die Menschen manchmal hungern. Trotz allem genießen sie das Leben. „Das können wir Weiße von ihnen lernen, das ist für mich wie Entwicklungshilfe für uns“, erzählt er später.
“Can I take a picture with you?” fragt eine Schülerin den kleinen süßen Tänzer hinterher. “Boah ich hätte echt nicht gedacht, dass die Jungs sowas drauf haben. Es war der Hammer.” Alle. Wirklich alle sind begeistert. Beim rausgehen singen sie “i-eh, i-eh, i-eh, i-eh, jolley…”, was der Trommler mit den langen Rastalocken mit ihnen gesungen hatte.
Ich fahre mit der S-Bahn nach Hause. Laufe die Treppen hoch. “i-eh, i-eh, i-eh, i-eh, jolley…”
(Zu meinem Radiobeitrag über Adesa geht es hier.)